,,Muss man seine Traditionen totsparen?"

Mort Rosenblum, ein großer AP-Journalist, sorgt sich um seinen Beruf und schreibt deshalb wieder ein Buch
Timofey Neshitov/
Süddeutschen Zeitung
(English Translation below)

 

 

,,Jedes Mal wenn Sie sehen, wie Hunderttausende zurechnungsfähige Menschen versuchen, einen Ort zu verlassen, und ein kleiner Haufen von Verrückten müht sich ab, da reinzukommen, dann wissen Sie: Die Letzteren sind Zeitungsmenschen.Das schrieb in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts H.R. Knickerbocker, eine Legende des amerikanischen Journalismus.

Mort Rosenblum, bis 2004 Sonderkorrespondent der Associated Press (AP) mit Erfahrungen auf sieben Kontinenten, liebt dieses Zitat. Er hat es bereits vor dreißig Jahren verwendet in seinem Buch Coups and Earthquakes und dann 1993 in Who Stole the News? Mort Rosenblum ist einer jener Journalisten, die nicht nur eine große Karriere machen, sondern das System, dem sie ihre Karriere verdanken, kritisch analysieren.

Der Titel seines neuen Busches ist eine Hommage an Knickerbocker: Little Bunch of Madmen: Elements of Global Reporting. Es erscheint im September bei de.MO und ist vielschichtig. Eine Berufsanleitung für junge Journalisten. Eine Abrechnung mit AP, CNN und anderen Größen, die in Rosenblums Augen an falschen Stellen sparen. Und nicht zuletzt ein Appell an das Publikum, im interaktiven Zeitalter nicht Geschwindigkeit mit Qualität zu verwechseln.

Mort Rosenblum, geboren 1944 in der südwestamerikanischen Provinz, lebt seit 20 Jahren auf einem schnittigen Privatboot an der Seine, just gegenüber der Assemblée Nationale. Er baut Olivenbäume in der Normandie an, gilt als Experte für Schokolade und die französische Küche. Viele träumen vom Leben an der Seine, aber wenige könnten den Posten des AP-Sonderkorrespondenten ausfüllen.

Rosenblum flog immer dahin, wo sich Berichtenswertes zusammenbraute, oder – was viel öfter der Fall war – wo es bereits brannte. Ceausescus Rumänien vor dem Volksaufstand, Sarajevo, Ruanda. In vielen Gegenden war er zuvor AP-Büroleiter gewesen. Er kam an, schaute sich um und schrieb Geschichten, die über der rasenden Aktualität schwebten, ein Meister im Aufspüren von Menschenschicksalen, in denen sich Alltag und Katastrophe widerspiegeln, der Sinn und Wahnsinn des Geschehens. Er ist mehrmals knapp dem Tode entkommen. Beim Sturm vom Fernsehturm in Bukarest im Dezember 1989 versteckte er sich unter einem Tisch und haute seinen Bericht in ein Telex, das auf dem Tisch stand, ohne zu sehen, was genau er da an das AP-Büro in Wien schickte.

Zwischen den Ausflügen in die Weltgeschichte schrieb er Bücher auf seinem leicht schaukelnden Boot. Der Eiffelturm im Bullauge schaukelte mit. Er liebte seinen AP-Job. Nach einer Auszeit als Chefredakteur bei der International Herald Tribune war er 1981 gern zu seiner Stammagentur zurückgekehrt. Und dann, 2004, ließ er sich bei der AP pensionieren. Warum?

Mort Rosenblum zündet seine Pfeife an, schmeißt das Streichholz in die Seine. Der Zustand des internationalen Journalismus sei so ,,fucked up“, dass man etwas dagegen tun muesse. Wenn’s sein muss, sich mit der traditionsreichsten Nachrichtenagentur der Welt überwerfen. ,,Ich lasse mir von Redakteuren nicht sagen, was ich vor Ort zu sehen habe.Womöglich spiegelt sich in Rosenblums Laufbahn der Sinn und Wahnsinn des heutigen Journalismus wider, dessen Macht und Ohnmacht. Einer der Älteren, Erfahrenen, ein Insider schmeißt hin, wird zum Freelancer für Internetdienste.

Anfang 2003, kurz von Amerikas Einmarsch im Irak, schickte Rosenblum aus Nahost Berichte, in denen Experten aus der Region vor einer amerikanischen Invasion warnten. Rosenblum deutete Parallelen zum Vietnamkrieg an, den er aus eigener Erfahrung kannte. Redakteure in New York vertrauten lieber Experten aus Washington, sie schrieben einige von Rosenblums Berichten um und ließen andere im Papierkorb verschwinden.

Rosenblum war auf der richtigen Spur, aber das macht ihn heute mehr traurig als stolz. In Little Bunch of Madmen beschreibt er die patriotische Kollektivblindheit amerikanischer Medien nach dem 11. September. Die Neigung, im Zweifelsfall dem Pentagon-Sprecher mehr zu vertrauen als dem eigenen Korrespondenten vor Ort. Die Überzeugung sogar, dass man von diesen Korrespondenten nicht mehr so viele braucht in Zeiten des Internets, die Redakteure können doch alle am Schreibtisch recherchieren.

Rosenblums Helden sing Jonathan Landay und Warren Strobel, die 2003 für Knight Ridder berichteten, ein Netzwerk von Provinzzeitungen wie Akron Beacon Journal und Tallahassee Democrat. Gemeinsam erzielen die Blätter zwar eine höhere Auflage als die New York Times oder die Washington Post, aber sie haben kein Gewicht in Washington. Ohne einen einzigen Auslandskorrespondenten zu haben, erkannten Landay und Strobel, dass die Kriegsgründe der Regierung Bush vorgeschoben waren. Ihre soliden Berichte wurden von Fernsehkommentatoren und prominenten Kolumnisten übertönt.

,,Die Welt braucht dringend das, was die AP eigentlich sein sollte“, sagt Rosenblum. Gut vernetzte Korrespondenten, die ihre Regionen kennen und im Idealfall auf steigende Spannungen hinweisen, bevor es zum Krieg kommt. Twitternde Bürgerjournalisten und mit Hintergrundwissen unbelastete Fernsehteams, die um die Wette aus ,,Vietraqistan berichten, könnten nicht die Lösung sein.

2003 kam bei AP Tom Curley an die Spitze, Absolvent des Rochester Institut of Technology, Fachrichtung: Master of Business Administration. Curley verhängte einen Einstellungsstopp und beschnitt den Reiseetat. 2009 musste jeder zehnte Mitarbeiter gehen. ,,In einer Zeit, in der Menschen bereit sind, für Nachrichten, müssen die Medien natürlich sparen”, sagt Rosenblum. Wenn man sich aber anschaue, was Medienmanager heute verdienen, stelle sich die Frage: ,,Muss man wirklich um jeden Preis seine eigenen Traditionen totsparen?

Alison Smale, die heutige Chefredakteurin der International Herald Tribune, die im Dezember 1989 als AP-Bürochefin in Wien Rosenblums unter dem Tisch geschriebenen Bericht aus Bukarest redigierte, teilt seine Sorge um die Zukunft des Journalismus. Sie glaubt, dass die Qualitätsmedien erst lernen müssen, mit den neuen Technologien umzugehen. ,,Wir müssen wissen, wie wir unsere Geschichten auf unterschiedlichen Kanälen erzählen, um unterschiedliche Menschen zu erreichen. Wichtig ist, dass wir dabei unsere Sprache bewahren, denn Sprache wurde uns Menschen nicht ohne Grund gegeben. Es sei noch zu früh für Prognosen, ob und wie Technik das Wesen des Journalismus nachhaltig verändern wird. Positiv sei schon mal, dass letztes Jahr durch Twitter wohl nicht weniger Menschen ein Interesse an Iran entwickelten als die klassischen Medien einst für den Vietnamkrieg erzeugen konnten.

Auch Mort Rosenblum ist kein Pessimist. Wer sein Buch liest, den beschleicht ein seltsames Gefühl der Sicherheit. ,,Was zählt, ist die Botschaft“, schreibt er gleich im Vorwort. ,,Die Herausforderung besteht darin, den richtigen Inhalt in einem Kontext von Geschichte und Menschlichkeit zu vermitteln. Der Rest ist ein Prozess. Wer sich also heute dem ,,kleinen Haufen der Verrückten anschließen will, hat bei aller Unübersichtlichkeit einen Orientierungspunkt.

Aber die neue Generation von Knickerbockers madmen muss sich warm anziehen. Nein, es geht Mort Rosenblum nicht um finanzielle Schwierigkeiten. Als flexibler Freelancer könne man heute ganz gut im Geschäft sein. Auch die Dinge, die man buchstäblich anziehen sollte, wenn man sich in Krisengebiete begibt, solides Schuhwerk und Jacken mit vielen Taschen, seien Übungssache. Wirklich schwierig sei es, die richtige Einstellung zum Beruf hinzukriegen. Nicht an sich zu denken (Wie verkaufe ich meine Geschichte?), sondern an der Leser.

Der Leser hat heute ein Problem: Überarbeitete Redakteure lassen oft Texte durch, die früher mit vielen roten Fragezeichen an den Autor zurückgeschickt worden wären. ,,In dieser neuen Umgebung müssen angehende Reporter lernen, ihre Arbeit zu patrouillieren. Eine nahezu unzumutbare Aufgabe: ,,Autoren jeglicher Art, egal wie begabt, sollten ihre eigenen Texte nicht redigieren. Genauso wie Chirurgen ihre eigenen Mandeln nicht entfernen sollten: ,,Obwohl technisch möglich, ist es seine sehr schlechte Idee. TIMOFEY NEHITOV/Süddeutschen Zeitung

 

 


 

“Do we have to save our traditions to death?”
By Timofey Neshitov

Mort Rosenblum, a grand AP journalist, is worried about his profession and therefore writes another book.

"Whenever you see hundreds of thousands of sane people trying to get out of a place and a little bunch of madmen struggling to get in, you know the latter are newspapermen." This is what H.R. Knickerbocker, a legendary American journalist, wrote in the 1930s.

Mort Rosenblum, special correspondent for the Associated Press (AP) until 2004 and with experience on seven different continents, loves this quote. Thirty years ago, he already used it in his book Coups and Earthquakes and then again in 1993’s Who stole the News? Mort Rosenblum belongs to the kind of journalists who not only make a successful career, but also critically analyze the system to which they own this career.

The title of his new book is an homage to Knickerbocker: Little Bunch of Madmen: Elements of Global Reporting. It will be released by de.MO in September and is complex. A field manual for young journalists. A rebuke for AP, CNN and other big players that, in Rosenblum’s opinion save in the wrong places. And not least an appeal to the audience not to confuse speed with quality in an age of interactivity.

Mort Rosenblum, born in 1944 in provincial southwestern America, has been living on a private boat on the Seine for the past twenty years, just across from the Assemblé Nationale. He grows olive trees in Provence, is known as an expert for chocolate and the French cuisine. Many people dream of a life on the Seine, but only few could replace the AP special correspondent.

Rosenblum always flew to those places where newsworthy things were about to happen – or what was more often the case – where they was happening already. Ceausescu’s Romania before the national uprising, Sarajevo, Rwanda. In many of those places he also used to be bureau chief for the AP. He arrived, had a look around, and wrote stories that hovered above the speeding timeliness, a champion in tracking down human destinies that reflect everyday life and the catastrophe, the meaning and the insanity of events. He barely escaped death several times. During the attack at the television tower in Bucharest in 1989 he was hiding under a table, hammering his article into the telex that was standing on the table without seeing what exactly he was sending to the AP office in Vienna.

In between his trips into world history he wrote books on his rocking boat. The Eiffel Tower in the background rocks with it. He loved his job with the AP. After a timeout as the editor in chief for the International Herald Tribune he gladly returned to his agency in 1981. And then, in 2004, he went into retirement. Why?

Mort Rosenblum lights his pipe and chucks the match into the Seine. The state of international journalism is so “fucked up” that something has to be done about it, even if that requires parting with the most important news agency in the world. “I don’t let the editors tell me what I have to see in the field.” Maybe Rosenblum’s career reflects the meaning and insanity, the power and powerlessness of today’s journalism. A senior, an expert, an insider packs in his job and becomes a freelancer.

In the beginning of 2003, shortly before the United States’ invasion into Iraq, Rosenblum sent reports from the Middle East in which regional experts gave warning of an American invasion. Rosenblum suggested parallels to the Vietnam War, which he witnessed himself first-hand. Editors in New York rather believed experts from Washington, they rewrote some of his articles and put the rest into the trash.

Rosenblum was on the right track, but today that makes him feel sad rather than proud. In Little Bunch of Madmen he describes patriotic collective blindness in the US media after 11 September. The disposition to believe the spokesperson of the Pentagon rather than your own correspondent on the ground in case of doubt. The conviction, even, that in times of the internet, where editors can do all the necessary research at their desk, not that many correspondents are needed anymore.

Rosenblum’s heroes are Jonathan Landay and Warren Strobel, reporters for Knight Ridder, a network of provincial newspapers like Akron Beacon Journal and Tallahassee Democrat. Although together these newspapers generate a higher circulation than the New York Times or the Washington Post, they do not have much relevance in the region. Without a single foreign correspondent Landay and Strobel recognized that the reasons the Bush administration gave for the war were pretenses only. Their solid reports, however, were drowned by television commentators and prominent columnists.

“The world badly needs what the AP is supposed to be”, Rosenblum says. Correspondents with a good network who know their regions and can point out increasing tensions before war breaks out. Twittering citizen journalists and TV crews without background knowledge who race to report from “Vietraqistan” cannot be the solution.

In 2003 Tom Curley, graduate from Rochester Institute of Technology with a master in business administration, became the head of the AP. Curley stopped all hiring and cut the travel budget. In 2009, one out of ten employees had to go. “In a time, when people are willing to pay for computer games but not for news, the media has to safe money of course”, says Rosenblum. When you look at what media managers earn these days, however, you have to ask yourself: “Do we have to save our own traditions to death?”

Alison Smale, the current editor in chief of the International Herald Tribune, who, chief of the Vienna AP bureau in 1989, edited Rosenblum’s report that he wrote from under the table, shares his concern over the future of journalism. She believes that the quality media still has to learn how to handle the new technologies. “We have to know how to tell our stories on different channels so we can reach different people. It is important that we maintain our language, because language was not given to us without reason.” It is still too early to predict if and how technology will have a long lasting impact on the character of journalism. What is already positive, however, is that last year through twitter, not fewer people got interested in what was going on in Iran than what the traditional media was able to create during the Vietnam War.

Mort Rosenblum is not a pessimist, either. Reading his book, a curious feeling of security seems to creep in. “What counts is the message”, he writes in his preface. “The challenge is to convey the right content in a context of history and humanity. Everything else is process. Whoever wants to follow the “little bunch of madmen” today now has a reference point in all the complexity. But the new generation of Knickerbockers’ madmen has to be thick-skinned. No, Mort Rosenblum is not concerned with financial troubles. As a flexible freelancer you can make a fairly good living these days. And even the things you literally have to wear going into war zones, solid shoes and jackets with lots of pockets, are just a matter pf practice. What’s really difficult is getting right attitude towards the job. Not to think of yourself (How do I sell my story?) but to think of the reader.

Today’s reader has a problem: overworked editors often publish texts that would have had red question marks all over them in the past. “In this new working environment reporters to-be have to learn how to patrol their own work.” An almost unacceptable task: “Writers of any kind, no matter how talented they might be, should not edit their own copy.” Just like surgeons should not take out their own tonsils: “Although it’s technically possible, it’s a very bad idea.”

(translation Markus Steinhauser)

 

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